Institut

für

Afrikastudien

Kindspflegschaften im Kontext ethnischer Heterogenität


  

Leitung:


  

Dr. Jeannett Martin



Lehrstuhl:

Ethnologie

Kontakt:

jeannett.martin@uni-bayreuth.de

Mitarbeiter:

Laufzeit:

06 / 2009 - 12 / 2013

Internet:

http://www.ethnologie.uni-bayreuth.de/de/research/...

Das Forschungsprojekt befasst sich mit Prozessen der Konstruktion verwandtschaftlicher und ethnischer Zugehörigkeit (belonging) bei Kindern in einer Region im westafrikanischen Benin. In den historisch gewachsenen Gesellschaften des Borgu werden diese Formen der Zugehörigkeit als wichtige Momente sozialer Selbst- und Fremdverortung gesehen, wobei Kinder als Bedingung und Garanten für die Kontinuität von Verwandtschaftsgruppen wie von ethnischen Gemeinschaften gelten.


Zum Verständnis der gesellschaftlichen wie individuellen Konstruktionsprozesse von verwandtschaftlicher und ethnischer Zugehörigkeit spielt die soziale Praxis der Kindspflegschaft eine wichtige Rolle. Das Projekt zeigt, dass das Überlassen von Kindern an andere dazu beitragen kann, verwandtschaftliche und ethnische Zugehörigkeiten zu verstärken, dass es aber auch dazu beitragen kann, dass solche Zugehörigkeiten geschwächt, in Frage gestellt und neue geschaffen werden.


Der Schwerpunkt der Untersuchungen liegt auf einer vergleichenden Analyse der Vorstellungen und Praktiken der Kindspflegschaft in und zwischen drei ethnisch verfassten Gemeinschaften im Beniner Borgu: Fée, Fulbe und Gando. Letztere stellen die Nachkommen von Sklaven in der Region dar. Auf der Grundlage von qualitativen und quantitativen Erhebungen in diesen ethnisch-sozialen Milieus nähert sich das Projekt den Fragen der Konstruktion von Zugehörigkeiten bei Kindern auf drei Ebenen an:


(1) auf einer diskursiven Ebene, bei der es um die Beschreibung normativer Gruppenvorstellungen geht,


(2 ) auf einer handlungspraktischen Ebene, die nach der zahlenmäßigen Bedeutung der intra- bzw. interethnischen Überlassung von Kindern fragt und danach, wie die Zugehörigkeit von Kindern im Alltag ausgehandelt wird,


und schließlich


(3) aus einer biographischen Perspektive. Hierbei steht die Analyse von erzählten Erfahrungen und des individuellen Umgangs mit (Nicht-)Zugehörigkeit im Lebensverlauf im Mittelpunkt.


Besonderes Augenmerk wird dabei auf interethnische Pflegschaftsverhältnisse gelegt.


Ein enthaltener Land-Stadt-Vergleich gibt Aufschlüsse über  Vorstellungen und Praktiken der verwandtschaftlichen und ethnischen Zugehörigkeit und deren Transformationsprozesse unter den Bedingungen städtischen Lebens.


Anknüpfend an vorangegangene Erhebungen (Martin 2007) wurde bzw. wird darüber hinaus im Fée-Milieu nach zwei weiteren, bislang kaum beleuchteten Aspekten gefragt:


-  nach den Pflegschaftserfahrungen,  dem biographischem Handeln und den Handlungsspielräumen (agency) der in die Praxis involvierten Kinder (vgl. Martin 2013b, 2013c),


- nach dem Handeln und den Handlungslogiken daran beteiligter Männer vor dem Hintergrund lokaler Vorstellungen von masculinity.


Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurden bei Feldaufenthalten im Zeitraum zwischen 2009 und 2013 (insgesamt zwölf Monate, davon zehn Monate in Folge) Erhebungen an mehreren ländlichen und einem städtischen Standort durchgeführt.


The project examines the processual construction of children’s belonging in Northern Benin. In the Borgu region, kinship and ethnicity are seen as important forms of belonging. Children are seen as the condition and as a guarantee for the continuity of kinship groups as well as ethnic communities.


In the project, the practice of child fostering serves as a lens for understanding the social construction of children’s kinship and ethnic belonging. As the research shows, fostering children may contribute reinforcing ties of kinship and ethnic belonging. However, it can also contribute to weakening, contesting and creating new forms of belonging.


The focus of this research project is on a comparative study of the practice, norms and forms of child fostering among and between three ‘ethnic’ communities in the Borgu region: Fée, Fulbe and Gando, the latter being regarded as slave descendants. Based on qualitative and quantitative data collected in these ethno-social milieus, the project approaches the construction of children’s belonging from three different angles: 


(1) on a discursive level, searching for a description of shared, normative ideas on children’s belonging,


(2) on the level of practice, asking about the quantitative relevance of intra- and inter-ethnic fostering as well as the every-day negotiation of children’s belonging, and 


(3) from a biographic perspective, which centres on an analysis of narrated experiences and practices of belonging during the individual life course. 


There is particular focus on interethnic child fostering.


Additionally, an integrated comparison of rural and urban environments provides further insights on the transformations of the social practice of child fostering under the particular conditions of urban life. Building on previous field research among the Fée (Martin 2007), the project deepens the analysis of two further aspects:


- the experiences, ways to act and the agency of Fée children involved in fostering (Martin 2013b, 2013c) and


- the ways to act and the rationalities of men involved in child fostering against the backdrop of local ideas of masculinity.


To answer the research questions, empirical data have been collected during twelve months of field research (including ten months between August 2009 and June 2010) in Northern Benin at several rural and one urban location(s).