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Afrikastudien

Marokkanische Musik-Festivals : lokale und globale Prozesse

Festivals Driss (Foto: Driss El Maarouf)

In Marokko haben Musikfestivals derart an Bedeutung gewonnen, dass sie sich zum meta-artistischen Aushängeschild des Landes entwickeln. Die Festivals finden zu sehr unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten statt. Sie unterbrechen den normalen Lebensrhythmus der Städte und Städter, lassen kunstvoll transkulturelle Situationen entstehen, führen zu grenzerweiternden Begegnungen und wirtschaftlichen Möglichkeiten. Musikfestivals bestimmen die Städte in der gleichen Art und Weise, wie die Städte selbst das Festival formen. Die Untersuchung von drei marokkanischen Musikereignissen, dem Mawazine-Festival (Rabat), dem Gnawa-Festival (Essouira) und dem Fez-Festival für sakrale Weltmusik (Fez), ist ein Versuch, sich mit der Frage der zunehmenden „Festivalisierung“ in Marokko zu beschäftigen. Die Festivals sind vor allem ein Zeichen für den Kampf, der nicht nur zwischen lokal und global, zwischen traditionell und modern, zwischen national und trans-national, sondern auch zwischen Peripherie und Zentrum, dem Urbanen und dem Urtümlichen, dem Authentischem und der Fälschung, dem Geistlichen und dem Weltlichen besteht. Auf jeden Fall entwickeln sich die marokkanischen Festivals „zu einem werdenden Anderen“ (Deleuze).

Das Projekt besteht aus sechs Abschnitten.

Festivals Driss (Foto: Driss El Maarouf)

Der erste Abschnitt ist der Entstehung der Idee der Festivals gewidmet. Es wird eine Entwicklung nachgezeichnet, die ein vermehrtes Auftreten von Festivals anstelle der älteren moussems (lokale Folklorefeste, die normalerweise in ihrer ursprünglichen Form stattfinden) aufweist. Die Folge dieser körperlichen und psychologischen Entwicklung lässt Entweder-oder-Fragen entstehen: ob diese Veranstaltungen das Resultat von Entwicklung oder von plötzlicher Metamorphose sind, ob mit vorprogrammiertem Verfallsdatum oder mit einer weitgreifenden Veränderung.

 
Festivals Driss (Foto: Driss El Maarouf)

Der zweite Abschnitt befasst sich eingehend mit dem Material und den ästhetischen Belangen von Musikfestivals. Es wird untersucht, wie die breit angelegte diskursive Untermauerung von Organisation stattfindet, wie die Inszenierung auch Aufnahme und Ausschluss beinhaltet. Die ästhetische und ideologische Programmplanung des Festivals wird von den Sponsoren sowie von städtischen Gesetzesvorgaben und Regierungsplänen beeinflusst, was genau analysiert wird.

 
Festivals Driss (Foto: Driss El Maarouf)

Der dritte Abschnitt verbindet die oben genannte Entwicklung und diskursive Vorbereitung mit der Idee des Festivals als Mythos. Der Zusammenhang zwischen Panik und Terror hat die Festivals in Post-Festivals verwandelt, die einst eine Form des Ausdrucks, nun nur noch als Reaktion daherkommen. Der Diskurs über globalen Terror wird als eine inhärente Bedrohung wahrgenommen, die aus dem Hintergrund agiert,  und führt zu einem kulturellen Dialog, der durch Touristen und Mittelsmänner hervorgebracht wird.

 
Festivals Driss (Foto: Driss El Maarouf)

Der vierte Abschnitt entschärft die gegenwärtige kritische Debatte des Lokalen und Globalen und ihre Auswirkung auf Identität. Der Hauptfokus liegt auf der Frage, wie die Globalisierung die Schauplätze der modernen Festivals kontrolliert und wie die lokalen Bräuche angenommen oder zurückweisen werden. Das Projekt fragt also nicht nach dem Wesen, sondern nach den Auswirkungen von Globalisierung.

 
Festivals Driss (Foto: Driss El Maarouf)

In Abschnitt fünf wird Bachtins theoretisches Konzept von Trunkenheit und Gelächter genauso wie Turners Konzept von liminality verwertet, bei dem es darum geht, bei der politischen Maskerade mitzumischen, zu verstecken, zu verhöhnen, was – ausgelöst durch die Massen und Künstler – Anschub gibt zur weiteren Spaltung der Vorherrschaft des Mainstreams. Turners Konzept wird aufgegriffen, um die vielen Typen der „Schwellen-Menschen“, also solche ohne eindeutigen sozialen Status (liminal personae), zu untersuchen, um zu sehen, ob die Unterscheidungen zwischen Rang und Status verschwinden, homogenisiert werden oder besonders hervorgehoben werden.

 
Festivals Driss (Foto: Driss El Maarouf)

Abschnitt sechs behandelt schließlich Musikfestivals als ein Ausdruck von Grenzüberschreitung und Widerstand. Hier wird die postkoloniale Position der Festivals deutlich, die als ein (multi-)kulturelles Event verstanden werden, das Brücken baut über (Gegen-)Macht und Widerstand gegenüber politischen Konzepten, Repräsentation, Beständigkeit und Authentizität.

Promotionsprojekt von Driss El Maarouf