Institute

of

African Studies

Mittelschichten im Aufbruch: Zukunftsentwürfe zwischen Freiheit, Konsum, Tradition und Moral


  

Manager:


  

Prof. Dr. Dieter Neubert


  

Prof. Dr. Erdmute Alber



Chair:

Entwicklungssoziologie

Contact:

erdmute.alber@uni-bayreuth.de

Staff:

Voigt, M.A. Maike
Stoll, Dr. Florian
Kroeker, Dr. Lena

Term:

2012 - 2016

Web:

http://www.bayreuth-academy.uni-bayreuth.de/de/tei...

Das Teilprojekt konzentriert sich auf gesellschaftliche Träger von Zukunftsentwürfen und deren Kontexte. Im Zentrum des Teilprojekt stehen aktuelle Zukunftsentwürfe, deren Protagonisten und Adressaten in den Mittelschichten, das soziale Umfeld ihrer Genese sowie deren Verwobenheit mit den gegenwärtigen Umbrüchen. Die Kernfrage des Teilprojekt lautet: Inwieweit ist die Formulierung unterschiedlicher Zukunftsentwürfe und deren Resonanz in der Bevölkerung an die heterogenen soziokulturellen Kontexte zurückgebunden, in denen die afrikanische Mittelschicht agiert? Allgemein formuliert: In welchem gesellschaftlichen Umfeld entstehen die Zukunftsentwürfe und wo entfalten sie ihre Wirkung?



Die Mittelschicht in Afrika wird vonseiten der Entwicklungspolitik und Ökonomie über ihr wirtschaftliches Potenzial bestimmt (Mubila et al. 2011; McKinsey 2010; Shikwati 2007) und in der Debatte über die Zivilgesellschaft als die genuinen Vertreter eines liberal-demokratischen Gesellschaftsmodells stilisiert. Diese Sichtweisen ignorieren die soziokulturellen Unterschiede innerhalb der Mittelschicht, die ihren Ausdruck in höchst unterschiedlichen Zukunftsentwürfen finden. Zur Zeit sind zumindest folgende Typen von Zukunftsentwürfen zu erkennen:


(a) demokratisch-liberale Vorstellungen,
(b) der Entwicklungsdiskurs der Entwicklungsorganisationen,
(c) pragmatische individuelle Aufstiegs- und Konsumorientierungen,
(d) neo-traditionalistische Vorstellungen mit Rückgriff auf vorkoloniale Autoritätsstrukturen, enge Abstammungs- und Familienbindung und autochthone Landrechte,
(e) stark religiös geprägte, mit millenaristischen Zeitdeutungen und moralischen Vorgaben verbundene Ideen (u.a. Pfingstkirchen, islamische Bewegungen).
(f) familienbezogene intergenerationell gedachte Aufstiegs- und Absicherungsvorstellungen


Diese Zukunftsentwürfe unterscheiden sich nicht nur durch die damit verbundenen Gesellschaftsentwürfe, sondern auch im Hinblick auf ihre Reichweite (konkrete individuelle und familiäre Lebensentwürfe, politische Programme, Jenseitsvorstellungen), die Gestaltbarkeit bzw. Vorbestimmtheit der Zukunft sowie in Bezug auf die Frage der Konzeption von Zukunft als Gesellschaftsmodell oder individueller Lebensentwurf.



Mit der Forschung soll die Verbindung der unterschiedlichen Zukunftsentwürfe zu je spezifischen gesellschaftlichen Kontexten, hier verstanden als soziale Ausdifferenzierungen der Mittelschichten, hergestellt werden, die sowohl Nährboden für die Entwicklung der Zukunftsentwürfe als auch in ihrer Ausgestaltung Folge der damit verbunden Vorstellungen sein können. Die gängige Analyse solcher Differenzierungsprozesse berücksichtigt neben sozioökonomischen auch soziokulturelle Differenzierungen in Form von unterschiedlichen Lebensstilen bzw. Milieus oder Mustern der Lebensführung (z.B. Bourdieu 1979; Hartmann 1999; Hradil 1987). Die Nutzung solcher Ansätze im afrikanischen Kontext erfordert substanzielle konzeptuelle Weiterentwicklungen. Erstens unterscheiden sich die Muster der Lebensführung, zweitens lassen sich wesentliche in Europa verwendete Indikatoren der soziokulturellen Differenzierung, wie Konsummuster und Freizeitgestaltung, nicht einfach auf Afrika übertragen. Drittens ist die Ausprägung soziokultureller Differenzierungen (und damit auch die Formulierung und Rezeption von Zukunftsentwürfen) wesentlich durch die Erfahrung von Globalität geprägt (transnationale Bildungskarrieren mit Auslandsaufenthalten, Einfluss von Diasporagruppen, Arbeitsmigration). Die Berücksichtigung dieser Faktoren leistet einen wichtigen Beitrag zum Problem der Generalisierbarkeit soziologischer wie sozialanthropologischer Konzepte sozialer Differenzierung und damit auch zur Weiterentwicklung der systematischen Soziologie und zur ethnologischen Theoriebildung. Mit der Untersuchung der Rolle von transnationalen Beziehungen bei der Produktion von Zukunftsentwürfen bietet das Teilprojekt neues empirisches Material zu bislang vornehmlich theoretisch reklamierter Globalität und Entgrenzung von Zukunftsvorstellungen (Adam 2004, 16).



Diese Studie schließt an Arbeiten zu Mittelschichten (Mittelklassen, Eliten) in Afrika an (z.B. Bayart 1993; Daloz 2007; Grohs 1967; Lloyd 1966; Oppong 1973; Werbner 2004, Behrends und Lentz 2012) und bezieht erste ethnographische Untersuchungen zum Lebensstil ausgewählter Gruppen ein (z.B. Fuest 1996; Hahn 2008), die die herausragende Rolle formaler Bildung für soziale Mobilität und Distinktion ebenso betonen wie die immer wieder neu verhandelten sozialen Bindungen der Eliten an ihre Herkunftsregionen. Wie sich die konkreten Ausdifferenzierungen und deren Bezüge zu den Zukunftsentwürfen darstellen, ist eine empirische Frage, die bislang kaum bearbeitet wurde (Ausnahme: Spöhr 2010).


Kenia ist ein besonders geeigneter Untersuchungsort, die seit den 1950er Jahren wachsende Mittelschicht gehört zur größten in Afrika südlich der Sahara (Mubila et al. 2011, 22). Schließlich gibt es eine Reihe von Studien zur sozialen Differenzierung Kenias, die als Ausgangspunkt für die Arbeit dienen (u.a. Berg-Schlosser 1979; Githinji 2000).


 


Forschungsfragen und Vorgehensweise


Vor diesem Hintergrund der Bedeutung der Mittelschichten als wichtige Produzenten und Adressaten von Zukunftsentwürfen stellen sich für die Forschung folgende Fragen:



•    Welche konkreten Zukunftsentwürfe sind zu identifizieren? Lassen sich unterschiedliche Zukunftsentwürfe und ihre Genese mit spezifischen soziokulturellen Gruppen innerhalb der Gesellschaft verknüpfen?
•    Inwieweit sind Wechselwirkungen (in beiden Richtungen) zwischen gesellschaftlichen Veränderungen (einschließlich der Herausbildung der Mittelschichten) und Zukunftsentwürfen zu erkennen?
•    In welcher Weise ist die Perspektivierung auf Zukunftsentwürfe ein sinnvoller Zugang zur Analyse der aktuellen gesellschaftlichen Umbrüche?
•    Inwieweit sind (sich wandelnde) Zukunftsentwürfe Bestandteil intergenerationeller Konflikte und tragen auf diese Weise zum Gesellschaftswandel bei?



Die ethnologische Teilstudie arbeitet auf der Mikroebene und wird mit Feldforschungen in Form teilnehmender Beobachtung an ausgewählten öffentlichen Orten, die das Konsum- und Freizeitverhalten der neuen Mittelschichten erfassen, sowie innerhalb ausgewählter Familien die intergenerationellen Aushandlungsprozesse mit Blick auf Zukunftsentwürfe erforschen. Daneben interessiert es sich besonders für Prozesse innerfamiliärer Differenzierungen, die zu einer kritischen Hinterfragung des Klassen- oder Schichhtenkonzepts selbst beitragen.   Die soziologische Teilstudie setzt vornehmlich auf der Mesoebene an. Sie erfasst auf der Basis öffentlicher Diskurse (inkl. neue soziale Medien) und Leitfadeninterviews aktuelle Zukunftsentwürfe und deren Rezeption und analysiert unter Rückgriff auf bereits vorhandene quantitative Daten (Datenbanken), gezielt ergänzt durch einen quantitativ-qualitativen Methodenmix, die Lebenspraxis und - bedingungen, um darauf aufbauend die Interdependenz von Zukunftsentwürfen und Mustern der Lebensführung zu untersuchen.