Institute

of

African Studies

Verwandtschaft und Politik. Eine konzeptionelle Trennung und ihre epistemischen Folgen in den Sozialwissenschaften


  

Manager:


  

Prof. Dr. Erdmute Alber



Chair:

Sozialanthropologie

Contact:

erdmute.alber@uni-bayreuth.de

Staff:

Martin, Dr. Jeannett

Term:

10 / 2016 - 07 / 2017

Web:

http://www.uni-bielefeld.de/(de)/ZIF/FG/2016Kinshi...

Verwandtschaftsverhältnisse sollten in der Politik keine Rolle spielen: dies gehört zum Selbstverständnis moderner westlicher Staaten. Der Einfluss von Verwandtschaftsbeziehungen gilt geradezu als Gegenteil eines rationalen Verwaltungssystems. Diesem Denken entsprechend unterscheidet die Bedeutung, die der Verwandtschaft in einer Gesellschaft beigemessen wird, zwischen "modernen" und "traditionellen", zwischen "entwickelten" und "unterentwickelten" Gesellschaften. 

Lange Zeit gab es daher jenseits ethnologischer und historischer Forschungen zu "traditionalen" Gesellschaften wenig Interesse für die Thematik der Verwandtschaft. Es war zwar üblich, nicht-westliche Gesellschaften durch die Linse von "Verwandtschaft" zu betrachten, für westliche Gesellschaft wurde jedoch in aller Regel ein anderer Fokus gewählt. 

Diese kategorische Trennung von Politik und Verwandtschaft hat eine lange Vorgeschichte und sie hat weitreichende Konsequenzen für die Forschung wie für die politische Praxis. Um einen modernen Staat oder eine gute Verwaltung zu schaffen, um ehemalige Kolonien zu demokratisieren und sogar, um terroristische Infrastrukturen zu zerstören, gelte es den Einfluss von Verwandtschaftsbeziehungen auszuschalten. 

Das Ziel unserer Forschungsgruppe ist eine Neubewertung dieser konzeptionellen Trennung zwischen Verwandtschaft und Politik. Unsere Arbeit beginnt mit der Überprüfung der Kategorien "Politik", "Verwandtschaft" und "Familie", wie sie in Geschichtswissenschaft und Ethnologie seit dem 19. Jahrhundert verwendet werden. Beide Disziplinen haben entscheidend zur heute gängigen Abgrenzung zwischen Staat und Gesellschaft, Wandel und (dauerhaften) Strukturen, "the West and the Rest" beigetragen. Beide Disziplinen haben jedoch jüngst, jede auf ihre Weise, die epistemologischen Grundlagen dieser Gegenüberstellungen hinterfragt. Die Resultate dieser Arbeiten sind außerhalb der betreffenden Disziplin bisher aber kaum zur Kenntnis genommen worden. 

Um die Tragweite der begrifflichen und theoretischen Trennung von Verwandtschaft und Politik zu ermessen, bedarf es des interdisziplinären Austauschs und neuer Disziplinen übergreifender Fragestellungen. Wir verbinden eine kritische Untersuchung der Theoriegeschichte mit empirischen Befunden zu den anhaltenden Auswirkungen solcher Kategorisierungen. Innerhalb dieses Rahmens möchten wir zudem prüfen, in welcher Form die Kategorie "Verwandtschaft" als analytisches Werkzeug auch für die Erforschung aktueller Debatten um Zugehörigkeit und (Re-) Konstitution politischer Ordnungen fruchtbar gemacht werden kann.