Institute

of

African Studies

Lokale Deutung, Prävention und Bewältigung von Katastrophen


  

Manager:


  

Prof. Dr. Dieter Neubert



Chair:

Entwicklungssoziologie

Contact:

dieter.neubert@uni-bayreuth.de

Staff:

Macamo, Prof. Dr. Elísio

Term:

2001 - 2007

Web:

http://www.entwicklungssoziologie.uni-bayreuth.de/...

In der Informationsgesellschaft stoßen Katastrophen auf globales Medieninteresse, und Not- und Katastrophenhilfe gehören zu den zentralen Bereichen der Entwicklungszusammenarbeit. Diese Maßnahmen werden in der Öffentlichkeit überwiegend positiv als Ausdruck tätiger Humanität bewertet. Dabei scheinen sowohl die Katastrophen selbst wie die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Hilfe keiner weiteren Erklärung zu bedürfen. Die sozialwissenschaftliche Debatte bietet immerhin einige Ansatzpunkte für eine genauere Analyse. Katastrophensoziologie und die Kritik der Entwicklungshilfe haben zu einem differenzierteren Katastrophenbegriff, der offen für soziale Prozesse ist, geführt. Zugleich wird die Bedeutung der lokalen Perspektive gesehen, jedoch zumeist auf funktionale Überlebenssicherung reduziert. Für ein genaueres Verständnis von Krisen und Katastrophen ist aber gerade das Zusammenwirken unterschiedlicher Deutungen, von globalen mit wissenschaftlichen Ergebnissen legitimierten Referenzsystemen einerseits und lokalen Deutungen und Handlungen andererseits notwendig. Mit dem Konzept des "lokalen Wissens" gibt es einen brauchbaren Ansatzpunkt für die Analyse der lokalen Perspektive, der allerdings bislang nicht konsequent auf das Themenfeld der Krisen und Katastrophen angewendet wurde. Zudem blieben die wissenssoziologischen Probleme auf konzeptioneller sowie methodisch-empirischer Ebene (wissenssoziologische Forschung im fremdkulturellen Kontext) ausgeblendet. Das Ziel der Untersuchung ist die Darstellung und Analyse der lokalen Deutung, Prävention und Bewältigung von Krisen und Katastrophen am Beispiel von Mosambik. Dahinter steht die zentrale konzeptionelle Frage nach der Konstitution des (lokalen) Wissens über Krisen und Katastrophen und das Zusammenwirken externer (globaler) Einflüsse mit lokalen Deutungen und konkretem sozialen Handeln. Das Untersuchungskonzept gründet auf der Annahme, dass Prävention und Bewältigung wesentlich durch die jeweils dominierende Deutung von Krisen und Katastrophen durch die Akteure strukturiert sind; wobei die Deutungen auf der Grundlage des lokalen Wissens vorgenommen werden. Das lokale Wissen selbst ist dynamisch veränderbar und konstituiert sich durch das Zusammenwirken lokal schon vorhandener Wissensbestände (einschließlich von Erklärungsmustern), mit zugänglichen externen Wissensbeständen sowie auf konzeptionelle Innovationen. Externe Wissensbestände (teilweise christlich, teilweise wissenschaftlich geprägt) erheben einen universellen Deutungsanspruch, so dass externe wissenschaftlich geprägte Vorstellungen in ein Spannungsverhältnis zu lokalen Wissensbeständen und Deutungsmustern geraten. Es geht somit um die Untersuchung dieses Spannungsverhältnisses und der gegenseitigen Beeinflussungen von lokalem und externem (globalen) Wissens. Die Untersuchung stützt sich überwiegend auf eine mehrphasige Feldstudie mit qualitativen Methoden der Sozialforschung (Leitfadeninterviews, narrative Interviews, Gruppendiskussionen, indirekte Beobachtungen), ergänzt durch standardisierte Verfahren. Zusätzlich sind zur Untersuchung externer (globaler) Einflüsse Archivrecherchen und Analysen von Akten und "grauen" Publikationen vorgesehen. Phase2: Das übergreifende Ziel der Untersuchung ist weiterhin die Analyse der lokalen Deutung, Prävention und Bewältigung von Krisen und Katastrophen in Mosambik. Dahinter steht die Frage nach der Konstitution des (lokalen) Wissens über Krisen und Katastrophen und das Zusammenwirken externer (globaler) Einflüsse mit lokalen Deutungen und konkretem sozialen Handeln. Das Wissen über Krisen und Katastrophen soll dabei einen exemplarischen Zugang zum Aufeinandertreffen lokaler und globaler (externer) Wissenssysteme in Form wissenschaftlichen Wissens bieten. Nachdem in der ersten Phase vor allem die Beschreibung der lokalen Deutung, Prävention und Bewältigung von Krisen und Katastrophen im Zentrum stand, rückt nun die systematisch theoretische und empirische Bestimmung und Analyse externer (globaler) Einflüsse in den Mittelpunkt. Dazu muss der in der ersten Phase entwickelte Analyserahmen theoretisch weiterentwickelt werden: Die externen Einflüsse, vor allem externes (globales) wissenschaftliches Wissen, werden dem Komplex der Moderne zugeordnet, der im lokalen Kontext vor allem über „Produkte der Moderne“ wahrgenommen wird. Wir verstehen darunter die materiellen Güter und Institutionen, Regeln für deren Gebrauch und deren innere Logik, die als Folge der Verbreitung der wissenschaftlichen Moderne ihren Eingang in den lokalen Alltag finden. Eine wichtige empirische und theoretische Aufgabe in diesem Zusammenhang ist die Bestimmung von „lokal“ und „global“ und deren Akteure in konkreten Situationen. Neben der hier besonders betonten Spannung zwischen externen Einflüssen und lokaler Deutung werden damit in Zukunft auch Prozesse der lokalen Aneignung von Technik für die Untersuchung bedeutsam. Unter Nutzung der Ergebnisse der ersten Phase erfolgt dann die Analyse des Aufeinandertreffens der unterschiedlichen Wissenssysteme (lokal, wissenschaftlich), sowie der Prozesse, die darüber entscheiden, welches Wissenssystem sich durchsetzt (Deutungshegemonie erlangt). Dabei soll über den Bereich der Katastrophen und Krisen hinaus, der Einfluss des weiteren gesellschaftlichen Kontextes in der Analyse ergänzend systematisch berücksichtigt werden. Um die Rolle gesellschaftlicher Faktoren besser herausarbeiten zu können werden die Ergebnisse mit Befunden aus Katastrophensituationen in westlichen, industrialisierten Staaten gegenübergestellt. Dabei soll insbesondere die Hypothese überprüft werden, dass sich unter Bedingungen eines stärker verwissenschaftlichten Alltags andere Erklärungsmuster durchsetzen und andere Handlungsoptionen für lokales Akteure eröffnen können. Die für die umfänglich begrenzten Vergleichsstudien ausgewählten Forschungsgebiete liegen im Oderbruch einerseits und an den Zuflüssen des Tennessee in Tennessee/USA andererseits. Die Untersuchung stützt sich auf eine mehrphasige Feldstudie mit qualitativen und quantitativen Methoden der Sozialforschung (Leitfadeninterviews, narrative Interviews, Gruppendiskussionen, indirekte Beobachtungen, standardisierte Fragebögen) sowie auf Archivrecherchen und die Analyse von Akten und „grauen“ Publikationen.


Disasters attract global media interest in this information society and both emergency aid and disaster relief are central to development cooperation. Public opinion considers these measures to be positive as an expression of committed humanitarianism. Disasters as such just as the need for and the question whether aid makes sense do not appear to require any further justification. Debates within the social sciences seem to offer at least some points for a more detailed analysis. The sociology of disasters as well as the critique of development aid have led to a differentiated disaster concept, one which is more open to social processes. At the same time as the relevance of the local perspective is acknowledged it tends to be reduced to the issue of how communities functionally secure their survival. A more precise understanding of crises and disasters requires the articulation of different approaches to interpretation, i.e. global reference systems based on scientific results on the one hand, and local practices and perception on the other. The concept "local knowledge" provides a useful starting point for analyzing the local perspective which, as yet, has not been used consistently to approach the subject of crises and disasters. Moreover, the theoretical implications related to the sociology of knowledge underlying the conceptual and methodological framework of this type of approach (research in the field of sociology of knowledge within the context of a foreign culture) have not been taken up. The aim of this study is to describe and analyze the local interpretation, prevention and control of crises and disasters on the basis of Mozambique as an empirical example. Underpinning this aim is the central conceptual question concerning the constitution of (local) knowledge about crises and disasters and the articulation of external (global) influences with local interpretations and concrete social practices. The research question is based on the assumption that prevention and coping are essentially structured by the actors according to dominant interpretations of crises and disasters. Interpretations, however, are assumed to be based on local knowledge. Local knowledge is in itself dynamic and flexible and constitutes itself by combining locally available knowledge (including explanatory frameworks) with externally accessible knowledge as well as conceptual innovations. External knowledge (partly based on Christianity, partly on science) lays claim to a universal interpretation framework to an extent where external scientifically influenced notions come into opposition with local knowledge and interpretations. This study deals both with the resulting tense relationship and the mutual influence that local and external (global) knowledge have on each other. The study is based mainly on fieldwork spread over several stages using qualitative social research methods (guideline interviews, narrative interviews, group discussions, indirect observation) supplemented by standard procedures. Additionally, it is envisaged that archival research and analysis of official documents and "grey" publications be undertaken in order to study external (global) influences.