Institute

of

African Studies

HIV/Aids-Prävention aus sprachwissenschaftlicher Sicht: Fallstudien am Beispiel Burkina Faso


  

Manager:


  

Prof. Dr. Martina Drescher



Chair:

Romanische und Allgemeine Sprachwissenschaft

Contact:

martina.drescher@uni-bayreuth.de

Staff:

Term:

10 / 2004 - 10 / 2004

Web:

http://www.romanistik2.uni-bayreuth.de/de/research...

Im Zentrum dieses Forschungsprojektes stehen sprach- und kommunikationswissenschaftliche Aspekte der HIV/Aids-Prävention, die am Beispiel von Gesprächsdaten aus Burkina Faso, einem westafrikanischen Land, dessen Amtssprache das Französische ist, untersucht werden. Ausgehend von der Annahme, dass in der HIV/Aids-Prävention unterschiedliche, globale und lokale Diskurse gleichzeitig auftreten, war es ein erstes Ziel des Vorhabens, diese diskursive Heterogenität aus der Perspektive und mit den Mitteln einer pragmatischen Sprachanalyse zu beschreiben. Im Mittelpunkt standen Fragen nach den sprachlichen Mitteln, die unterschiedliche globale bzw. lokale Referenzrahmen signalisieren und damit zugleich Aufschluss über den biomedizinischen vs. alltagsweltlichen Diskurses über HIV/Aids geben. Ein zweites, in jüngster Zeit verstärkt verfolgtes Ziel besteht darin, die sprachlichen Verfahren und Techniken, die im Zusammenhang mit der (semi-) öffentlichen Kommunikation über heikle Themen zu beobachten sind, zu untersuchen. Dabei gerät die bislang häufig vernachlässigte emotionale Dimension des Redens über HIV/Aids in den Blick, denn es ist davon auszugehen, dass tabuisierte Themen wie Sexualität und Krankheit eine vergleichsweise hohe emotionale Beteiligung der Gesprächspartner zur Folge haben. Methodisch stützen wir uns in unseren Analysen primär auf einen gesprächsanalytischen Zugang, der der Arbeit an Daten in ihrem jeweiligen situativen und sozialen Kontext große Bedeutung beimisst und sprachliche Form-Funktions-Zusammenhänge ins Zentrum der Untersuchung stellt. Im Folgenden werden die zentralen Fragestellungen des Projektes ausführlicher dargelegt.


Leitend für jede Form von Prävention ist die sog. „Wissenskluft-Hypothese“, d. h. die Annahme, ein gefährdendes Verhalten – ganz gleich, ob es sich dabei um den exzessiven Genuss von Tabak oder Alkohol oder um ungeschützten Geschlechtsverkehr handelt – sei auf fehlendes Wissen zurückzuführen, wohingegen die Verfügbarkeit des Wissens den Menschen dazu bewegen werde, auf risikobehaftetes Verhalten künftig zu verzichten. Zwar kann man bezweifeln, dass Wissen allein zu einer Verhaltensänderung führt, weil dabei emotionale Faktoren und allgemein die Psychodynamik des menschlichen Verhaltens vernachlässigt werden. Dennoch steht nach wie vor im Zentrum der Prävention die Wissensvermittlung mit dem Ziel, Menschen durch Aufklärung und die Bereitstellung entsprechender Informationen zu einer Aufgabe des gefährdenden Verhaltens zu bringen, wobei diese im Falle von HIV/AIDS diese primär den Bereich der Sexualität betreffen. Dabei spielt Kommunikation die entscheidende Rolle. Diese ist in der Regel asymmetrisch, also durch ein Wissensgefälle zwischen Experten – im subsaharischen Afrika den Vertretern unterschiedlicher Institutionen, beispielsweise Nichtregierungsorganisationen – und Laien – der jeweiligen Zielgruppe – charakterisiert. In den Präventionskampagnen wird in erster Linie der biomedizinische Diskurs über HIV/AIDS vermittelt, der seine Wurzeln in Europa und den USA hat.


Man kann jedoch davon ausgehen, dass es auch ein lokales Verständnis von Gesundheit und Krankheit gibt, das in alternativen Gegen- bzw. Paralleldiskursen organisiert ist, die für denselben Wirklichkeitsausschnitt andere Interpretationen bereithalten und – wie der biomedizinische Diskurs – Deutungshegemonie beanspruchen. Solche lokalen Diskurse zu Gesundheit und Krankheit spielen in der HIV/Aids-Prävention bislang nur eine untergeordnete Rolle. Das heißt jedoch nicht, dass sie für die Aufklärungskampagnen keine Relevanz besäßen – im Gegenteil. Aus linguistischer Sicht ist es interessant zu untersuchen, welche sprachlichen Mittel bei der Wissensvermittlung einerseits und bei der Abgrenzung und Identifizierung der konkurrierenden Diskurse andererseits zum Einsatz kommen. Im Rahmen des vorliegenden Projekts richtete sich der Blick zunächst auf Metaphern, Analogien und Begrifferklärungen, die Aufschluss über unterschiedliche Vorstellungen und Konzeptualisierungen der Krankheit geben. In einem zweiten Schritt galt das Interesse sprachliche Verfahren und Strategien, die die Verortung einer Information bzw. eines Wissenselements als Teil eines bestimmten Diskurses signalisieren. Dazu gehören bei Verweisen auf den lokalen Diskurs typischerweise distanzierende Formulierungen wie il paraît, les gens disent, j'ai entendu dire. Bezugnahmen auf den biomedizinischen Diskurs erfolgen hingegen durch Äußerungen wie c'est une vérité scientifique, on a montré, il a été prouvé. Es zeigte sich, dass empirische sprachwissenschaftliche Analysen dazu beitragen können, die Interaktion unterschiedlicher Diskurse und der in ihnen gefassten Wissensbestände aufzudecken und Prozesse der Diffusion und Transformation von Wissen in situ zu nachzuzeichnen. Ihre Ergebnisse können damit mittelbar auch für die konkrete Präventionspraxis von Nutzen sein.


In jüngster Zeit ist mit der Analyse der sprachlichen Verfahren und Techniken, die im Zusammenhang mit der (semi-) öffentlichen Kommunikation über heikle Themen zu beobachten sind, die emotionale Dimension der HIV/Aids-Prävention stärker in den Fokus geraten. Wie bereits erwähnt ist davon auszugehen, dass tabuisierte Themen wie Sexualität und Krankheit eine vergleichsweise hohe emotionale Beteiligung der Gesprächspartner zur Folge haben. Die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen Emotionen, Tabus und sprachlichen Strategien steht im Mittelpunkt der neueren Untersuchungen. Zentral ist dabei der Gedanke, dass Tabus nicht essenzialistisch, als vorab bestehende Verbote gesehen werden, sondern als das Ergebnis des sprachlichen und kommunikativen Handelns der an einem Gespräch beteiligten Personen. Diese handeln gleichsam miteinander aus, was in der gegebenen Situation ein Tabu darstellt und was nicht. Und sie verdeutlichen sich dies auch und gerade im Medium der Sprache: Euphemismen, unspezifischen Pronomina oder Ausdrücke der Vagheit können hier einen Hinweis darauf geben, dass die Gesprächspartner ein Thema als mit Tabus befrachtet und damit heikel erachten. Dies wirft auch ein neues Licht auf die Frage nach der angemessenen Sprache in einem prinzipiell multilingualen Umfeld. Während man bislang davon ausging, dass Prävention in einer lokalen Sprache aufgrund der vermutlich geringeren Verständnisprobleme größere Aussichten auf Erfolg hat, zeigt sich nun, dass auch die Entscheidung für das Französische als Medium des Wissenstransfers durchaus seine Vorteile haben kann: So stellt es nicht nur eine hinreichend differenzierte Begrifflichkeit für die Erklärung biomedizinischer Zusammenhänge zur Verfügung, sondern erlaubt möglicherweise gerade wegen seiner "Fremdheit", also des mit der Verwendung einer anderen als der eigenen Muttersprache einhergehenden Abstandes, ein distanzierteres, offeneres Sprechen über tabubeladene Themen. Die Untersuchung solcher Fragen ist damit auch für eine kultursensible und zugleich nachhaltige Prävention von höchster Relevanz. Sie werden daher auch Gegenstand eines work shops zu Gesundheitskommunikation in multilingualen Kontexten: HIV/Aids-Prävention für MigrantInnen sein, den der Lehrstuhl für Romanische und Allgemeine Sprachwissenschaft im November 2009 an der Universität Bayreuth veranstaltet. Die Problematik wird damit zugleich erweitert, insofern nicht mehr nur die Verhältnisse im subsaharischen Afrika, sondern auch die Situation der MigrantInnen in Europa in die Untersuchung einbezogen wird.